Der Verein

Bürgerverein Fuhlsbüttel
– Hummelsbüttel – Klein Borstel – Ohlsdorf von 1897 e. V.
Die Geschichte des Bürgervereins ist die Geschichte seines Stadtteils
Ein Dorf in der Geschichte
Streifzug durch Zeiten und Schriften

Gleich einem Wanderer vor dem Aufbruch nehmen wir die Karte zur Hand, um mit einem Blick den vor uns liegenden Weg durch das Fuhlsbüttel von gestern zu umfassen. Mit Bedacht wählten wir das Messtischblatt 1 : 25 000 „Bergstedt“, Ausgabe 1880 mit einzelnen Nachträgen 1896, zeigt es doch den Zustand der Landschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert. Fuhlsbüttel ist noch ein Dorf, aber die neue Zeit hat mit der Correktions-Anstalt und dem Central Gefängnis schon ihren Einzug gehalten.

Im Süden der Feldmark schlängelt sich in vielen malerischen Windungen die Alster durch das Wiesental. Hier liegt die Alstertalbrücke, ein „Nebeneingang“ für Fußgänger und Reiter nach Fuhlsbüttel. Von Südwesten zieht einsam die alte Heerstraße nach Norden in Richtung Kiel. Nur vereinzelt stehen Häuser an der Chaussee zwischen „Alsterkrug“ und Fuhlsbüttelerberg“. Überall wogen Kornfelder im leichten Sommerwind, grast schwarz-buntes Vieh auf grünen Weiden. Und in den Sandwegen mahlen knarrend die Räder der Bauernwagen hinter schnaufenden Pferden.

Vom „Weg beim Jäger“ grüßen die Tribünentürme der Borsteler Rennbahn des Hamburger Sport-Clubs. In dem nördlich sich anschließenden Gelände, das zusammen mit dem der Rennbahn einmal dem Weltflughafen dienen wird, erkennt man an den Torfstichen deutlich die Reste des einstigen Moores. Ein einzelner Grashügel am Fuhlsbüttelerberg, ein Überbleibsel aus einer Gruppe von ehemals mehreren Hünengräbern, erinnert an eine wohl dreieinhalb Jahrtausende zurückliegende Zeit. Östlich davon ragt auf dem Erdekamp der schlanke Turm der jungen St.-Lukas-Kirche in den Himmel.

Ein urwüchsiger, von Knicks eingefasster Redder, der spätere Erdkampsweg, führte von Norden her in das Dorf mit seinen strohgedeckten Häusern. Geradewegs geht es zur Alster mit dem Mühlenteich und der Ratsmühle, dem alten Wahrzeichen Fuhlsbüttels. Die Schleuse, das Tor der Schifffahrt zur Oberalster, und das Schleusenmeisterhaus gehören dazu. Und natürlich auch die Brücke über die Alster, der „Pass“ zu Fuhlsbüttel, für die kriegführenden Parteien in zwei Jahrhunderten von strategischer Bedeutung. Von den wenigen Straßen des Dorfes führt die mittelalterliche „Fernverkehrsstraße“ vorbei an dem Schanzenberg, einem Dänenlager aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, über Hummelsbüttel nach Segeberg. Eine andere mahlt als sandiger Weg am hohen Alsterufer nach Poppenbüttel. Wo die Alster unweit der Hummelsbütteler Grenze in einem scharfen Knie an den Steilhang herantritt, entdeckt Professor Schwantes kurz vor dem Ersten Weltkrieg einen mittelsteinzeitlichen Wohnplatz, der in dem damaligen Staatsgebiet die älteste Siedlung Hamburgs ist.

An dem entgegengesetzten Ende des Dorfes verlässt der Maienweg die Ortschaft nach Süden. Nicht zu übersehen ist auf dem zur Alster hin abfallenden Hang das in den Jahren 1876/79 errichtete Central Gefängnis. „Eine Stätte der Tränen auf einer Stätte der Trauer“, hieß es in der Einweihungsrede; denn hier auf der Anhöhe, auf dem Gelände der südlich davon gelegenen Correktions-Anstalt und beiderseits der besonders hervortretenden Alsterschleife mit dem Tannenwäldchen am Ufer bewahrt der Boden einen eisenzeitlichen Urnenfriedhof, der Fuhlsbüttel zu einem Begriff in der Vorgeschichtswissenschaft macht.

Damit haben wir den Ausgangspunkt auf der Karte, die Alstertalbrücke zwischen Fuhlsbüttel und Ohlsdorf, wieder erreicht. Mit großen Schritten durcheilten wir im Geiste das Fuhlsbüttel von gestern, von dem in diesem Text ausführlich die Rede sein wird.

Aus vorgeschichtlicher Zeit

1839 verfiel der Fuhlsbütteler Lehrer Petersen in ein hitziges Nervenfieber. Der Eppendorfer Pastor, dem die Aufsicht über die Fuhlsbütteler Schule oblag, musste einen provisorischen Hilfslehrer einstellen. So kam Hinrich Peter Eduard Krage nach Fuhlsbüttel. Krage, der nach Petersens Tods dessen Stelle einnahm, war für die damalige Zeit ein vielseitig interessierter Schulmeister. Wir wissen von ihm, dass er um 1850 in Fuhlsbüttel den Wortschatz sammelte, wie man andernorts Märchen und Sagen oder bäuerliches Hausgerät zusammentrug. Krage ist auch einer der ersten Lehrer im hamburgischen Landgebiet gewesen, die sich mit der Hinterlassenschaft der Vorzeit beschäftigten. Ihm verdanken wir die Kenntnis von dem Inhalt ehemaliger Hügelgräber in der Gegend „Fuhlsbütteler Berg“.

„Herr Ingenieur Westphalen hatte uns auf einen Grabhügel auf der Fuhlsbütteler Feldmark an der Langenhorner Grenze aufmerksam gemacht: Herr Hauptmann Gaedechens und ich (Prof. Petersen) nahmen denselben in Augenschein, fanden ihn aber bereits ausgegraben. Da wir von anwesenden Arbeitern erfuhren, dass ein Mann noch lebe, der an der Ausgrabung Theil genommen, ersuchten wir Herrn Lehrer Krage, bei demselben genaue Erkundigungen einzuziehen; derselbe hat die Güte gehabt, uns einen schriftlichen Bericht darüber einzusenden. Nach demselben waren da einst fünf Hügel, von denen vier schon vor 36 Jahren (1822) ganz abgetragen sind, der fünfte aber vor 34 Jahren (1824) ausgeleert ist, ohne ihn ganz zu zerstören. Alle Hügel hatten große Steinkammern, 4 bis 8 Fuß tief, in denen sich kleinere Steinkisten befanden, welche Urnen mit Knochen und Asche und Bronceschwerter enthielten.“
(Aus: Zeitschrift des Vereins für Hamburgischer Geschichte, Bd. 4, 1858)

Einst waren auf der Fuhlsbütteler Feldmark – wie überall im Lande – zahlreiche Hügelgräber vorhanden. In Schleswig-Holstein gab es vor hundert Jahren noch Tausende von Grabhügeln. Ihre Zahl ist durch starke Intensivierung der Landwirtschaft auf einem Bruchteil dessen, was einst vorhanden war, zusammengeschmolzen. Jetzt stehen sie unter Denkmalschutz.

Sie liegen einzeln, gruppenweise oder in langen Zeilen auf weit sichtbaren Höhenzügen, auf Bergkuppen oder an alten Wegstrecken. Die ursprüngliche Lage der Hügel an der Alsterkrugchaussee zeigt der beigegebene Lageplan. Dr. Schindler weist die Hügelgräber auf der Fuhlsbütteler Feldmark in seiner 1960 erschienenen archäologischen Landesaufnahme der Stein- und Bronzezeit zu.

Während der älteren Bronzezeit wurde der Verstorbene, ausgestattet mit reichem persönlichen Besitz an Kleidung, Schmuck, Waffen und Wegzehrung, in einem Baum- oder Bohlensarg unter einem mächtigen Erdhügel beigesetzt. Das Hügelbegräbnis fußt auf einer steinzeitlichen Tradition. Die Verwendung ausgehöhlter, 2 – 3 Meter langer Baumstämme, die mit einem Deckel verschlossen wurden, kommt erst Ende der Steinzeit auf. Um den Baumsarg wurde ein Schutzpanzer von Feldsteinen gepackt. Der darüber geschichtete Hügel bestand aus Heidesoden oder Sand. Ein Steinkreis, der zugleich den Hügelrand abstützte, friedete den Totenbezirk ein. Wo sich die Gelegenheit bot, wurden ältere Steinkammern durch erneute Belegung weiter genutzt. In dem seltener vorkommenden Einbau kleiner Steinkammern in Hügel, der sogenannten Steinkisten, mag der neolithische (jungsteinzeitliche) Großsteingrabgedanke fortleben.

Während des letzten Abschnittes der älteren Bronzezeit vollzog sich durch die Einführung der Leichenverbrennung ein tiefgreifender Wandel im Totenbrauch. Der allmähliche Übergang spiegelt sich in der Beibehaltung der bisherigen äußeren Begräbnisform wider, indem die sorgfältig vom Scheiterhaufen abgesammelten, unverbrannten Knochenteilchen in einem Baumsarg ausgestreut und die üblichen Beigaben hinzugefügt wurden … Von etwa 1100 v. Chr. wurden die Leichenbrandrückstände allgemein in Tongefäßen verwahrt, die man im Erdmantel älterer Hügel, unter neu errichteten flachen Hügeln oder auf besonderen Urnenfriedhöfen beisetzte. Die Urnen wurden mit einer Packung von Feldsteinen oder Steinplatten umstellt; manche Urnen haben überhaupt keinen Steinschutz.

In der Eisenzeit, deren Beginn man in die Zeit um 500 v. Chr. legt, bleibt die Form der Beisetzung wie in der jüngeren Bronzezeit die Urnenbestattung in Friedhöfen unter flachem Boden, selten in Grabhügeln, bei der die Grabgefäße in der älteren Zeit noch mit Steinen umpackt sind, während sie in der jüngeren Epoche frei in der Erde stehen.“

„Die Ruhe des Ortes wurde eigentlich erst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gestört. Damals baute die Stadt Hamburg ihr Zentralgefängnis in Fuhlsbüttel. Bei den Ausschachtungsarbeiten im Jahre 1873 wurden die ersten größeren Urnenfunde gemeldet. Früher soll man dort nur vereinzelt Scherben auf dem Acker gefunden haben. In den folgenden Jahren stieß man dann auf Urnen – beim Bau von Anstalten und Beamtenwohnungen. Ein großer Urnenplatz wurde auf diese Weise entdeckt, der sich etwas südlich von Fuhlsbüttel an der Ost- bis Südseite eines flach ansteigenden Hanges erstreckte und im Süden direkt bis an die Alster heranreichte. Trotz der Bedeutung der Funde, die schon früh erkannt wurde, hat man bis zum Jahre 1914 nie eine richtige, systematische Ausgrabung vorgenommen. 1914 wurde diese Frage brennend, als man die großzügige Alsterregulierung in Angriff nahm. Die Windungen des Flusses wurden begradigt und das Flussbett selbst ausgebaggert. Bei diesen Arbeiten kamen wieder Urnen zum Vorschein. Da schickte das Museum für Völkerkunde in Hamburg endlich Dr. Byhan an den Platz, um wirkliche sachliche Grabungen vorzunehmen.

Mit einer gewissen Spannung wurde damals die Veröffentlichung der Funde erwartet, die Veröffentlichung eines Platzes, der seit einer Generation bekannt war und von dem man bis auf gelegentliche Notizen in Zeitschriften doch nichts wusste. Der Weltkrieg kam dazwischen. Akten waren nicht angelegt, und ein Lageplan, der gezeichnet wurde, ist leider verlorengegangen. So herrscht jetzt vielfach über die Zusammengehörigkeit der Stücke Unsicherheit und viele Urnen haben nur den Fundortsvermerkt: Fuhlsbüttel.“
(Aus: Dr. Fritz Tischler: „Fuhlsbüttel, Ein Beitrag zur Sachsenfrage“, Neumünster 1937)

Dr. Tischler sammelte für seine Arbeit alle erreichbaren schriftlichen und mündlichen Nachrichten über den Fuhlsbütteler Urnenfriedhof, um wenigstens über die ungefähre Lage Klarheit zu erlangen. Aus diesem Material bringen wir auszugsweise einen in den Hamburger Nachrichten vom 03.07.1914 veröffentlichten Bericht:
„Es handelt sich, wie die von den Grabungen angefertigte Karte zeigt, um zwei durch einen ziemlich breiten Raum (ca. 200 m) getrennte, gesonderte Friedhöfe an dem Ufer der einstigen Alster, teils auf dem Gelände der Korrektionsanstalt, teils auf demjenigen des dem Botanischen Staatsinstitute gehörigen Schulgartens. Die Alster beschreibt nämlich hier einen Bogen nach Süden, zu dem sie aber erst in neuerer Zeit durch Aufhöhung ihres Nordufers gezwungen worden ist. Ehemals floss sie hier von Osten nach Westen. Diesem alten Flusslaufe also gliedern sich die Friedhöfe an, und zwar stammt der östliche aus einer älteren Zeit als der westliche.
… Einige 30 Urnen stammen von dem östlichen älteren Friedhofe, der größere Rest, etwa 200 Stück, wurde auf dem westlichen Friedhof gefunden. Diese zum Teil gut erhaltenen Tongefäße, deren Form die im Allgemeinen die in hiesiger Gegend von anderen Urnenfriedhöfen bekannte Form wahrt, tragen vielfach einen schönen ornamentalen Schmuck, manche von ihnen auch Henkelansätze. Im Inneren enthielten die Gefäße Leichenbrand und mannigfache Beigaben, je nachdem in ihnen ein männlicher oder ein weiblicher Toter bestattet worden ist. Und aus diesen Beigaben konnte man auch die Zeit der Bestattungen feststellen, nämlich den Übergang von der älteren zur jüngeren Eisenzeit, die sogenannte Laténezeit.
Unter den im Museum schon jetzt teilweise in Schauschränken eingeordneten, von ihren Oxyden befreiten Metallgegenständen, Stein- und Beinarbeiten erregen vor allem die zierlichen Spangen und Fibeln aus Bronze, Silber und Eisen die Aufmerksamkeit … Daneben sieht man mehr oder weniger zierliche Schmucknadeln aus Metall und Bein (Horn), Beinkämme, Glättsteine, steinerne Spinnwirtel, verzierte bronzene Gürtelbeschläge, ja sogar bunte Glasperlen verschiedener Größe …“
(Aus: Dr. Fritz Tischler: „Fuhlsbüttel, Ein Beitrag zur Sachsenfrage“, Neumünster 1937)

An der Schwelle des ersten nachchristlichen Jahrtausends kehren wir noch einmal in die graue Vorzeit zurück:
„Wald und Wasser waren die ‚Lebensmitteldepots‘ für den Menschen, den Jäger, Sammler und Fischer der mittleren Steinzeit. Zwischen beiden lag – praktischerweise – auch sein Standquartier, seine Behausung, der Wohnplatz seiner Familie. Was bot sich besser an als die hochgelegen Ränder der Seen, die höheren Ufer der Fluss- und Bachniederungen. Man war nahe genug am Wasser, dem Lebensquell für Mensch und Tier, aber dennoch ausreichend geschützt. Von hier aus konnte man den See, auf den die Boote hinausfuhren überblicken, von dort das zur Tränke kommende Wild beobachten. Fischgründe und Unterschlupfwinkel der Wasservögel lagen vor der Haustür. Und landeinwärts auf den Höhen schloss sich der Wald an, in dem Kräuter, Pilze, Beeren und Nüsse zu holen waren … Sandiger Untergrund war ein Hauptgesichtspunkt für die Auswahl des Siedlungsplatzes, weil er trocken ist und durch die Sonne leicht erwärmt wird. Was sich dem Auge des fleißigen Sammlers an diesen Wohnstellen heute noch darbietet, sind die nicht vergangenen Steinsachen, die Absplisse von der Werkzeugherstellung oder die Messer, Schaber, Stichel, Bohrer, Beile und, wenn man Glück hat, auch die winzigen Pfeilspitzen, Pfeilschneiden und dreieckigen Harpunenzähne, die sogenannten Mikrolithen.“

– wird fortgesetzt –

Quelle:
„Die Geschichte des Bürgervereins ist die Geschichte seines Stadtteils“
Als Sonderdruck herausgegeben vom Bürgerverein Fuhlsbüttel – Hummelsbüttel – Klein Borstel – Ohlsdorf von 1897 e. V., im April 1993
Text: Richard Hesse. 1967
Zusammenstellung und Layout: Michael Weidmann (V. i. S. d. P.)
Verlag und Copyright:
Verlag Michael Weidmann
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